Presseartikel  
25./26. August 2007 - Neue Westfälische, Lokalausgabe Lübbecke, Nr. 197/2007

„Kirchenglocken sollen nicht zum Gezänk rufen“
DAS INTERVIEW: Superintendent Dr. Rolf Becker nimmt Stellung zum Kirchenstreit in Börninghausen

Pr. Oldendorf - Börninghausen. Der Baustopp an der St.-Ulricus-Kirche ist aufgehoben, die Kirchengemeinde darf laut Ratsbeschluss mit dem Einbau der Heizung weiter machen. Doch der Beschluss ist an eine Reihe von Auflagen geknüpft, die dem Kirchenstreit neue Nahrung geben könnten. Über den Disput zwischen Gemeinde sowie Stadt nebst Rat sprach NW-Redakteurin Kirsten Tirre mit dem Superintendenten des ev. Kirchenkreises Lübbecke, Dr. Rolf Becker.

Nach Feststellung der Stadt Pr. Oldendorf als untere Denkmalbehörde soll die Kirchengemeinde Börninghausen gegen den Denkmalschutz verstoßen haben, was als Ordnungswidrigkeit gilt. Wie stehen Sie als Superintendent zu dem Vorwurf?


DR. ROLF BECKER: Ich denke, dass es nicht ratsam ist, auf der Ebene der Vorwürfe zu bleiben. Richtig ist, dass eine Betonplatte aus den 70er Jahren entfernt wurde, was nicht ohne Beteiligung der zuständigen Stellen für den Denkmalschutz hätte geschehen sollen. Ich wünsche mir, dass die Sanierungsarbeiten weitergehen können, ohne dass nach Schuld oder Recht haben und Vorwürfen gefragt wird. Ich erinnere an das Jesuswort: ,Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein’.

Die Anordnung zum Entfernen der Bodenplatte im Chorraum kam vom Baudezernat des Landeskirchenamtes. Gibt es aus Bielefeld irgendeine Reaktion – unter anderem zu einer möglichen Bußgeldzahlung?

Appelliert an die Vernunft: Superintendent Dr. Rolf Becker. FOTO: ARCHIV JOERN SPREEN-LEDEBUR DR. BECKER: Am 25. Juli gab es einen Ortstermin in Börninghausen unter Beteiligung des Landeskirchlichen Baureferats, des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege, der Unteren Denkmalbehörde Pr. Oldendorf, dem Architekten, Vertretern des Presbyteriums Börninghausen sowie dem Kreiskirchenamt. Bei diesem Ortstermin hat Herr Krome vom Baureferat der Landeskirche die Sachlage dargestellt, warum die Bodenplatte entfernt werden musste. Herr Krome steht auch in Kontakt zu Dr. Ellger, dem zuständigen Archäologen des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege. Gegen die Ordnungsverfügung mit der Androhung eines Zwangsgeldes hat das Landeskirchenamt am 16. August Widerspruch eingelegt.

Nach wie vor gibt es unterschiedliche Auffassungen zwischen Stadt und Gemeinde zum Wiedereinbau der Emporen. Ihre Meinung dazu?

DR. BECKER: Es gehört zu den demokratischen Prinzipien unserer Kirche, dass die Verantwortung bei solchen Entscheidungen bei den gewählten Vertretrinnen und Vertretern der Kirchengemeinde liegt, dem Presbyterium. Als Superintendent ist es meine Aufgabe zu begleiten und zu beachten, dass das Kirchengebäude für den gemeindlichen Bedarf weiterhin brauchbar bleibt. Es handelt sich um ein Denkmal, aber gleichzeitig um eine Kirche, die für das Feiern von Gottesdiensten genutzt werden soll. Von daher kann ich die Haltung der Kirchengemeinde gut verstehen.

Welche Außenwirkung hat ihrer Ansicht nach der Kirchenstreit?

DR. BECKER: Aus meiner Sicht geht es hier nicht um einen Kirchenstreit, sondern um unterschiedliche Auffassungen in Sachfragen. Doch ich habe die große Sorge, dass diese unterschiedlichen Auffassungen sich als so bedeutsam entwickeln, dass darüber die Aufgabe der Kirche ins Hintertreffen gerät. Kirche Jesu Christi mit ihren Aufgaben für die Menschen ist unabhängig davon, wo die Empore aus liturgischen oder denkmalpflegerischen Erwägungen steht. Auch in Börninghausen sollen die Glocken zum Gebet und zum frei machenden Evangelium rufen und nicht zum Gezänk darüber, wo die Empore stehen soll.

Geht es bei dem Disput eigentlich noch um die Kirche oder spielen hier längst andere Dinge eine Rolle?

DR. BECKER: Es ist häufig so, dass sich die Fronten verhärten, es Verletzungen gibt, durch die dann niemand nachgeben kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Es mag schwer sein, jetzt zu einer sachlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe zu kommen. Ich sehe aber Möglichkeiten, dass dies gelingt. Wir sind Menschen, die Fehler machen, die aber auch immer wieder aufeinander zugehen können. Hier handeln doch Menschen, die überwiegend vor Ort leben, zu einem Gemeinwesen, zu einer Kirchengemeinde gehören. Wenn es zu einem weiteren Baustopp oder gar zu Streichung von Fördergeldern kommen sollte, kann am Ende eine Kirchenruine mit Bauzaun herum stehen. Wer will das?

Welche Möglichkeit sehen Sie, das Gemeinde und Stadt wieder zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit kommen?

DR. BECKER: Es ist ein Kulturgut, anderslautende Meinungen zu respektieren, zu akzeptieren und aus der Vielfalt gemeinsame Lösungen zu suchen, zu finden und umzusetzen. Ich kann mir vorstellen, die Verantwortlichen zu einem Gespräch am Runden Tisch einzuladen.