Presseartikel  
17. März 2009 - Lübbecker Kreiszeitung, Lokalausgabe des "Westfalen-Blatt", Nr. 64/2009

Alte Kirchenmauern geben Rätsel auf
Maroder Putz an St. Ulricus wird im Bodenbereich ersetzt und dann neu gestrichen
Von Wilfried Mattner


Börninghausen (WB). Denkmalschützer haben bereits einen Verstoß gegen geltendes Recht »gewittert«. Doch die Arbeiten an der Außenmauer der St.-Ulricus-Kirche dienen lediglich der Vorbereitung eines neuen Anstrichs.

Das hat Gemeindepfarrer Friedrich Wilhelm Beckmann gestern gegenüber der LÜBBECKER KREISZEITUNG betont. Der Seelsorger wollte nicht davon sprechen, dass Putz abgeschlagen worden sei. Vielmehr sei das Mauerwerk bekanntlich nicht bis in den Bodenbereich hinein verputzt gewesen. Da, wo Unebenheiten im Putz im nahen Bodenbereich bestanden hätten, seien sie weggenommen worden, um mit neuem Material eine einheitlich glatte Fläche zu schaffen. Im Mai solle dann der Anstrich von Gemeindegliedern ehrenamtlich erledigt werden, sagte Beckmann.

Der ehemalige Stadtheimatpfleger Dieter Besserer jedenfalls ist von den Arbeiten überrascht worden. Und das habe auch für das Westfälische Amt für Denkmalpflege und das Amt »Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) Archäologie für Westfalen« gegolten, mit deren Vertretern er gestern gesprochen habe, erklärte Besserer gegenüber der LÜBBECKER KREISZEITUNG.

Von diesen Putzarbeiten sei auch der Stadt nichts bekannt gewesen, meinte der Fachbereichsleiter Bauen/Ordnung, Stefan Rother, auf Anfrage. Ein Antrag sei nicht gestellt worden. »Wir werden uns das anschauen, dokumentieren und beim Amt für Denkmalpflege nachfragen, ob von dort noch Handlungsbedarf besteht«, sagte er. Man werde aus rein formalistischen Gründen »keinen Aufstand« machen. Aber er zeigte sich unzufrieden darüber, »dass erneut Arbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude ohne Absprache laufen«.

Historisch gesehen sei es »wunderbar«, dass man nun außen ein wenig freie Sicht auf das Mauerwerk habe, betonte Besserer. »Und dabei kann man erkennen, dass die Kirche in drei Epochen gebaut worden ist. Im Turmbereich sind glatt behauene Steine verwendet worden. Im Bereich des Mittelschiffs sind sie weniger glatt, und in der Mauer, die den Altarraum umschließt, hat man Bruchsteine benutzt«, erklärte er. Er ist überzeugt davon, dass dieser Bereich auch der älteste der uralten Wehrkirche ist. Der Bodenarchäologe Dr. Otfried Ellger vom LWL, der bekanntlich die Grabungsarbeiten im Kircheninnern geleitet hat, gehe jedoch davon aus, dass das Mittelschiff der älteste Abschnitt eines Baues sei, von dem man aber nicht wisse, ob es sich schon damals um eine Kirche gehandelt habe.

Bei den Grabungen im Gotteshaus seien zwei Gräber gefunden worden. Knochen aus einem seien zur C14-Analyse zwecks Altersbestimmung geschickt worden, deren Ergebnis jedoch noch nicht vorliege. Nach Besserer vorliegenden Unterlagen habe eine begüterte Frau aus Börninghausen zwischen 1705 und 1720 das Recht auf ein Erbbegräbnis im Turm besessen. Ob dies ausgenutzt worden sei, sei nicht hundertprozentig bekannt.

Jedenfalls dürfte jetzt über die Bedeutung einer deutlich sichtbaren Lücke im Mauerwerk spekuliert werden, die sich im Turminnern als Türausschnitt darstellt. Besserer glaubt, dass es sich um den Eingang zu dem Erbbegräbnis handeln könne, ist sich aber »nicht sicher«. Ellger dagegen vermutet nach Besserers Worten hier den Eingang zur Kirche, was zwar ungewöhnlich sei, aber nicht unmöglich. »In jedem Fall sind in und um St. Ulricus noch einige Überraschungen zu erwarten«, freut sich der ehemalige Stadtheimatpfleger.

Beim Entfernen von marodem Putz ist an der Südseite des St.-Ulricus-Turms dieser Durchgang entdeckt worden. Der ehemalige Stadtheimatpfleger Dieter Besserer (kleines Bild) meint, dass dies früher der Eingang zu einem Erbbegräbnis gewesen sein könnte. Foto: Mattner

Beim Entfernen von marodem Putz ist an der Südseite des St.-Ulricus-Turms dieser Durchgang entdeckt worden. Der ehemalige Stadtheimatpfleger Dieter Besserer (kleines Bild) meint, dass dies früher der Eingang zu einem Erbbegräbnis gewesen sein könnte. Foto: Mattner

Aktuelles Stichwort: St.-Ulricus-Kirche

Nach bisherigen Erkenntnissen liegen die Ursprünge der St.-Ulricus-Kirche im 11. Jahrhundert. Beim Feuer im Jahre 1430 brannte das Mittelschiff ab; 1463 wurde es im gotischen Stil wieder aufgebaut. Aus Sicherheitsgründen wurde das Gotteshaus 2003 geschlossen und bis 2008 saniert und restauriert. Gleichzeitig liefen im Kircheninnern Ausgrabungen, bei denen es bemerkenswerte Funde gegeben hat.