Presseartikel  
10. November 2005 - Lübbecker Kreiszeitung, Lokalausgabe des "Westfalen-Blatt" Nr. 261/2005

Boden ist Fundgrube für Archäologen
Experten erhoffen sich neue Erkenntnisse bei Ausgrabungen in der St. Ulricus-Kirche


Börninghausen (wm). Muss die Geschichte der St. Ulricus-Kirche im Eggetal zumindest teilweise neu geschrieben werden? Dr. Otfried Ellger, Bodenarchäologe des Landesdenkmalamtes Münster, einer Abteilung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, weist dahingehende Vermutungen zumindest nicht rigoros zurück. Gestern begannen systematische Grabungen in dem Gotteshaus.

Posaunenchorleiter Henrik Menzel gehört zu den freiwilligen Helfern, die schon jetzt vorsichtig den alten Fußboden freilegen. Fotos: Wilfried MattnerNachdem das Einsturz gefährdete Gewölbe gesichert wurde, begannen vor einiger Zeit Sanierungsarbeiten mit dem Ziel, den Fußboden wieder tiefer zu legen, um die Proportionen des Bauwerkes besser zur Geltung zu bringen. Dabei stießen die freiwilligen Helfer auf Steinformationen, die für Archäologen offenbar von großem Interesse sind. Denn Dr. Otfried Ellger vom Landesdenkmalamt in Münster und sein Kollege Dr. Stefan Leenen bereiteten gestern weitergehende Arbeiten vor, die vermutlich bis Sommer nächsten Jahres dauern werden. Zunächst wurde ein Messnetz angelegt, mit dessen Hilfe man die Ausgrabungen und Funde genau nachvollziehen kann. Anschließend folgt die Dokumentation der bisherigen Arbeiten. Dabei war ein alter Fußboden mit kleinen quadratischen Ziegelplatten zutage gefördert worden, dessen Ursprung Ellger auf das frühe 19. Jahrhundert schätzt - und unter dem sich Gräber befinden. Nach der Dokumentation werden diese Platten entfernt, damit Platz geschaffen werden kann für eine neue Sohle und den neuen Boden, der rund 30 Zentimeter tiefer liegen soll als der bisherige.

Ausgrabungsarbeiten in der St. Ulricus-Kirche Börninghausen.Neue Erkenntnisse im Hinblick auf Alter und bauliche Entwicklung des Mittelschiffs erhoffen sich die Archäologen von Gesteinsresten im Bereich des Altarfundamentes und des romanischen Chorjoches, das aus der Zeit um 1200 stammt. Ellger: »Dann wird sich vielleicht zeigen, ob Chor und Turm tatsächlich Einzelteile waren, die erst später miteinander verbunden wurden.«

Wenn die bisherigen Ausgrabungsarbeiten vermessen und dokumentiert sind, wird auch Bodenarchäologe Dr. Otfried Ellger vorsichtig mit Spachtel und Handfeger auf die Suche nach Spuren aus der Vergangenheit gehen. Da für solche Arbeiten wenig Geld und wenig Personal zur Verfügung steht, dürften sie sich bis Sommer nächsten Jahres hinziehen. Dabei wird abschnittsweise vorgegangen, so dass nach der Dokumentation jedes Abschnittes mit der Abtragung von Boden begonnen werden kann. Auch dafür wird ein detailliertes Konzept erstellt, an das sich die engagierten Helfer aus Börninghausen halten können. Auf deren Mithilfe hoffen die Archäologen, wenn es darum geht, Erde abzutragen und wertvolles altes Baumaterial zu sichern, bevor die neue Fundamentplatte für den späteren Fußboden gegossen wird.


Daten & Fakten

Die St. Ulricus-Kirche in Börninghausen geht nach den bisherigen Erkenntnissen in ihren Anfängen auf das 11. Jahrhundert zurück. Der romanische Wehrturm und der romanische Chorraum sind danach die ältesten Teile der Kirche, die erst später durch das Mittelschiff verbunden wurden. Beim Feuer im Jahre 1430 brannte das Mittelschiff ab, das dann 1463 im gotischen Stil wieder aufgebaut wurde.

Der Altar wurde nach 1000 durch den damaligen Bischof von Minden geweiht. Die Mensa in Stein ist noch in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten und trägt die eingemeißelten Weihekreuze und das Sepulcrum, das Altargrab, in dem früher Reliquien lagen. 1671 wurden barocke Altarschranken angebracht. Über dem Altar ist eine Predella mit vier Evangelisten zu sehen, die wahrscheinlich aus einer anderen Kirche stammt. Der älteste Kelch datiert aus dem Jahre 1650.

Namensgeber und Kirchenpatron ist St. Ulricus, der Heilige Ulrich. Er wurde im Jahr 890 geboren und war von 923 bis zu seinem Tod am 4. Juli 973 Bischof von Augsburg. Als vorbildlicher Bischof und Kirchenlehrer, für dessen Leben Gottesliebe und Nächstenliebe bestimmend waren, ist er in die Geschichte eingegangen und als Erster in der Kirchengeschichte in förmlicher Kanonisation 993 von Papst Johannes XV. heilig gesprochen worden. Dass unsere Vorfahren ihm das altehrwürdige Gotteshaus im Eggetal als Patron unterstellten, macht deutlich, dass jeder, der diese Kirche betritt, ein glaubwürdiger Zeuge des Evangeliums in der Nachfolge von Christus sein solle - wie der Kirchenpatron St. Ulricus.