Presseartikel  

01/02. April 2006 - Neue Westfälische, Lokalausgabe Lübbecke, Nr. 78/2006

Sensationsfund in St. Ulricus
Archäologen legen Maultierskelett in Börninghauser Kirche frei / Hinweise auf Varus-Tross im Eggetal
VON JOERN SPREEN-LEDEBUR


Pr. Oldendorf-Börninghausen. Vor fast 2.000 Jahren zogen sie vom Sommerlager bei Minden ab. Die sichere Region am Rhein haben sie nicht erreicht. Bei der Schlacht im Jahr 9 gingen die drei Legionen des römischen Statthalters Varus vermutlich in Kalkriese unter. Wo zogen die Römer her ? Antworten darauf geben möglicherweise sensationelle Funde, die bei den Grabungen in der Börninghauser St.-Ulricus-Kirche entdeckt wurden.

Gebeine im Gotteshaus: Dass hochrangige Personen vor Jahrhunderten innerhalb der Kirchenmauern bestattet wurden, ist bekannt. Das Maultier-Skelett gibt den Archäologen aber Rätsel auf. Sie vermuten, dass der Tross des Varus im Jahr 9 auch jenen Ort passierte, an dem sich heute St. Ulricus befindet. Es ist ein kühler Morgen im mittelalterlichen Eggetaler Gotteshaus. Die Archäologen des Landschaftsverbandes sind wieder einmal zu Besuch. Sie graben und versuchen, Antworten auf Fragen nach der Geschichte von St. Ulricus zu finden. Funde haben sie bereits getätigt. Münzen aus dem Mittelalter und der Neuzeit wurden frei gelegt, ein altes Lämpchen gefunden: Dabei handelt es sich um eine der ältesten Lampen, die in Westfalen gefunden wurden (die NW berichtete).

Was die Experten allerdings gestern entdeckten, das wirft viele Fragen auf. Ein Knochen kommt zum Vorschein. Aber kein einzelner. Stück für Stück legen die Archäologen ein komplettes Skelett frei. Aber dabei handelt es sich nicht um die sterblichen Überreste eines Menschen. Sie haben an diesem Morgen die Gebeine eines Tieres gefunden. Die Bodenkundler schalten schnell. Zwei Stunden später sind Kollegen aus Kalkriese vor Ort. Die hatten im September 2000 auf dem antiken Schlachtfeld das Skelett eines Maultieres ausgegraben. Neben den Knochen fanden sie eine kleine Glocke, die das Tier um den Hals trug. Der Fund hatte seinerzeit Aufsehen erregt, gehörten Maultiere doch nicht zum üblichen Tierbestand auf germanischen Anwesen.

Seit diesem Fund sind fast sechs Jahre vergangen. Aber das, was die Kalkrieser da in den Mauern von St. Ulricus sehen, das ist fast so wie Weihnachten und Ostern zusammen. „Das gibt’s doch nicht“, murmeln sie, machen sich Notizen, vermessen und fotografieren den Fund. „Ein Maultier. Ohne Zweifel.“ Die Sensation ist perfekt. Auf die Geschichte des Eggetales wirft das ein neues Licht. Der Mantel der Geschichte, er scheint das Tal vor fast 2.000 Jahren gestreift zu haben in Form eines Mulifells. Maultiere, die kannten die Germanen nicht. Die Römer aber. Maultiere gehörten als Lastentiere zum Tross der römischen Armee.

Aber wie kommt das ins Gotteshaus? Ortspfarrer Friedrich Wilhelm Beckmann hat da eine Idee. Der Tross Schaut bedröppelt drein: Ein Vorfahre dieses Maultieres diente dem Varus-Tross als Tragetier und verendete im Eggetal.des Varus muss durch das Eggetal gezogen sein. Das beschauliche Tal als Teil des Ortes, an dem die römische Expansionspolitik gestoppt und damit Weltgeschichte geschrieben wurde? „Schon damals gab es im Eggetal Begegnungen zwischen den Menschen“, sagt Beckmann. Freilich nicht so friedlich. Pfarrer Beckmann weiter: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann für die Zukunft lernen.“

Selbst die Kalkrieser Archäologen haben immer wieder vermutet, dass die legendäre Varus-Schlacht nicht allein in Kalkriese geschlagen wurde, sondern sich auf verschiedene Schauplätze verteilte – mit dem blutigen Finale in dem kleinen Örtchen bei Bramsche. Vielleicht sei ein Teil der Schlacht wirklich im Eggetal ausgetragen worden. Der Übergang über das Wiehengebirge bei Holzhausen und der Weg ins Eggetal sei für Maultiere jedenfalls nicht so entbehrungsreich gewesen, dass sie vor Entkräftung daran gestorben seien.

Eggetaler Hobby-Historiker haben es ja schon immer gewusst. Die geographischen Bedingungen im Eggetal seien ideal für eine germanische Attacke auf den römischen Tross gewesen. Anders als lippische Heimatforscher hatten sie aber Kalkriese nicht als Ort des Gemetzels in Zweifel gezogen.

Das Skelett soll nun von Paläontologen der Uni Göttingen untersucht werden. Am heutigen Samstag, 1. April, können sich Interessierte aber ab 15 Uhr vor Ort ein Bild der Lage machen und den Fund aus gebührendem Abstand besichtigen. Der Eintritt ist frei. Nach Angaben von Pfarrer Beckmann wird nur um eine Kollekte gebeten, die der Sanierung von St. Ulricus zugute kommt.

Der Fund und dessen Präsentation ist für den Börninghauser Pfarrer übrigens ein ganz besonderes Datum: „Heute vor 32 Jahren habe ich meinen Dienst im Eggetal angetreten. An einem 1. April!“

03. April 2006 - Neue Westfälische, Lokalausgabe Lübbecke, Nr. 79/2006

Maultierskelett und Kanalanbindung: April, April!

Lübbecke (-sl-). Haben Sie gestaunt über den sensationellen Fund in der Börninghauser St.-Ulricus-Kirche, den die NW am Samstag vermeldete? Das Maultierskelett aus dem Varus-Tross ist tatsächlich gefunden worden – nur nicht in St. Ulricus, sondern bereits vor einigen Jahren in Kalkriese. Münzen, Knochen und die Lampe sind von den Archäologen im Gotteshaus zwar frei gelegt worden, aber Funde aus der Römerzeit hat es nicht gegeben. April, April! Die Tour mit dem Paddelboot zur Pr. Oldendorfer Grundschule war auch so eine Geschichte, die es nur an einem Datum geben kann: Dem 1. April. Dem klassischen Tag für Zeitungsenten.